Das Haus steht in einer kleinen Gemeinde im Kreis Bad Dürkheim, Rheinland Pfalz. Hinter dem oberen, rechten Fenster begann die Reise meines Lebens, das Ziel war und ist unbekannt.
Mich hatte niemand gefragt, ob ich bereit bin für diese Reise, ich fand mich plötzlich im Großraumwagen wieder, zwischen unbekannten Menschen, in einer unbekannten Umgebung. Und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.

Meine Mutter saß neben mir und passte auf, dass mir nichts passiert und ich in diesem mir noch unbekannten Zug mit den vielen Leuten keine Angst haben muss.

Im Laufe der Fahrt stiegen Leute aus und neue stiegen ein, um mich ein Stück der
Reise zu begleiten. Der Zug ist eine Art Zeitmaschine: er fährt vorwärts durch die
Zeit und durch die Welt. Durch immer wieder neue Landschaften – mal schön,
mal hässlich. Ich erlebe spannende Dinge und solche, von denen ich mir
wünsche, dass sie nie stattgefunden und ich sie nie gesehen hätte. Ich finde neue
Freunde, die auch mit mir unterwegs sind.

Aber während ich langsam älter werde, werden auch alle Mitreisenden, die mit
mir zusammen im Zug sitzen, älter. Am Anfang merkt man das nicht so sehr, man
ist ja noch jung. Nur bei denen, die von vornherein schon älter sind, fällt es auf.
Meine Mutter war 19 Jahre alt, als sie mit mir in den Zug gestiegen ist. Langsam
merke ich, dass sie sich verändert und nicht mehr ganz so jung aussieht…

Die Fahrt dauert schon mehrere Jahre und ich weiß immer noch nicht, wo es
hingeht und wie die Endstation aussieht. Ich weiß auch nicht, wie lange die Fahrt
dauern wird und welche Strecke der Zug nimmt. Während der Jahre, die
vergingen, sind die meisten Mitreisenden, die ganz am Anfang noch
dabei waren, ausgestiegen. Entweder, weil sie ihre Endstation bereits erreicht
haben oder weil sie umgestiegen sind.


Ich bin mittlerweile ein relativ alter Mann und ich habe im Lauf der Zeit schon viele Haltestellen erlebt: Schulen,
Ausbildungen, Arbeitsstätten, Beziehungen – all das trug sich während meiner Reise bereits zu. Manche Haltestellen waren schön und
interessant, manche eher trostlos und
langweilig.
Auch meine Mutter ist inzwischen ausgestiegen und hinterlässt einen leeren Platz.
Sie begleitete mich über 60 Jahre auf meiner Reise, doch dann wurde sie müde und krank. Bei anderen hatte ich teilweise gar nicht bemerkt das sie ausgestiegen sind, zu oberflächlich waren die Bekanntschaften. Aber es ist immer noch eine Reise voller Freuden, Leid, Begrüßungen und Abschieden.

Die schönste Reise geht einmal zu Ende, so auch meine Reise und die der
Menschen, die mich ein Stück des langen Weges begleitet haben.
Irgendwann sind wir alle am Ziel angelangt. Aber was ist dieses Ziel? Je älter ich werde, desto mehr denke ich darüber nach. Und darüber, die ich das Ziel erreiche.
Ich bin jetzt schon viele Jahrzehnte lang in diesem Zug mitgefahren und habe das
meiste an Strecke hinter mir. „Der Weg ist das Ziel“, sagt zumindest die asiatische
Philosophie. Bei der Reise des Lebens ist das ähnlich.
Wir ahnen vielleicht nur, wie die Endstation aussieht, wir wissen aber nicht genau, was uns erwartet. Womöglich sehen wir alle Mitreisende unserer Zugfahrt wieder.
Bis dahin…..
